Swiss Re zu Erbebenaktivität: Wahrscheinlichkeit grosser Beben und deren Auswirkungen
03.03.10 11:14

 

Zürich. Aus aktuellem Grund (Chile) haben wir zum Thema Erbeben Martin Bertogg, Head Earthquake Group, Swiss Re, unsere Fragen unterbreitet. 


[Stocknews.ch]
Gab es bisher Jahrzehnte oder Jahrhunderte in denen Erdbeben öfter passierten oder ist die Verteilung von Erbeben gleichmässig über die Zeitachse verteilt (und daher einfacher kalkulierbar)?

[Martin Bertogg]
Aus globaler Perspektive ist die Erdbebenaktivität ein sehr konstantes Phänomen mit vergleichsweise geringen Schwankungen. So sehen wir weltweit jedes Jahr ein Erdbeben mit einer Magnitude von mindestens 8.0, rund 10 bis 15 Erdbeben mindestens der Stärke 7.0 sowie etwas mehr als hundert Erdbeben mindestens der Stärke 6.0. All diese Erdbeben werden aber erst zur Gefahr für die jeweilige Gesellschaft, wenn sie in der Nähe von Siedlungen und Städten auftreten. Erst in Kombination mit gebauter Infrastruktur wird eine Erdbebenerschütterung zu einer Bedrohung für die Bevölkerung.

Ist aus globaler Perspektive eine Regelmässigkeit von Erbebenereignissen zu beobachten, bleibt von dieser Stabilität wenig übrig, wenn man den Fokus auf eine einzelne Region richtet. Der exakte Auftretensort bleibt bei der Kalkulation von Erdbeben eine grosse Unbekannte. Bei der Frage etwa, wo genau die jährlich 10 bis 15 Erdbeben der Stärke auftreten, spielt der Zufall eine nicht unerhebliche Rolle. Die Wahrscheinlichkeit für ein Erdbeben kann an einem bestimmten Ort zwar abgeschätzt werden; der Zeitpunkt aber bleibt weitestgehend unbestimmbar.

Das häufigere Auftreten von kleineren Erdbeben kann von menschlichen Aktivitäten gefördert werden, z.B. in Gebieten mit unterirdischen Minen. Die menschlichen Einflüsse auf die Auslösung grosser Erdbeben sind glücklicherweise vernachlässigbar, im Gegensatz zur Häufigkeit von meterologisch bedingten Ereignissen.


[Stocknews.ch]
Beim Stichwort Erbeben kommen v.a. Japan und San Francisco/LA in den Sinn. Wie schätzen Sie würde sich ein Erdbeben der Stärke 8.8 dort (bzw. in einer Weltstadt mit 5-10 Mio. Menschen) auswirken auf einen Rückversicherer wie Swiss Re? Und wie often sollte dies gemäss historischen Daten und Statistiken geschehen?

[Martin Bertogg]  Für die Versicherungsindustrie sind Erdbeben in wirtschaftlich hoch entwickelten Gebieten von grosser Bedeutung. Neben der Erdbebengefährdung ist in einem solchen Gebiet die Zahl der verkauften Versicherungskontrakte, also die Versicherungsdichte, von Belang. Allerdings sind selbst in hoch entickelten Gebieten nur rund 10-20% der Sachwerte gegen Erdbeben versichert. Für Städte in Japan sowie für San Francisco und Los Angeles sind beispielsweise drei zentrale Faktoren ausschlaggebend: Erdbebengefährdung, die hohe Wertkonzentration und eine ausgeprägte Versicherungsdichte.

Die Stärke eines Erdbebens spielt bei den zu erwartenden Erdbebenschäden natürlich eine grosse Rolle. Mindestens so wichtig sind jedoch die Distanz des Epizentrums oder des Bruches zu den Städten, das heisst zu den versicherten Sachwerten. Für die genannten Städte würden Seismologen wohl kaum ein sogenanntes M8.8 Beben erwarten, denn die tektonisch möglichen Bruchlinien sind eher zu kurz dafür.

Ein Erdbeben der Magnitude 8.0 kann San Francisco oder Tokyo durchaus treffen, dies mit einer Wahrscheinlichkeit in der Grössenordnung von einmal in 500 Jahren. Durch die geringe Distanz der erwarteten Bruchlininen zu diesen Städten könnten sehr grosse Sachschäden hervorgerufen werden. Für San Francisco sind Sachschäden von über USD 200 Billionen möglich, für Tokyo mit deren noch höheren Wertkonzentration wird von entsprechend höheren Sachschäden ausgegangen.

Aufgrund der oben genannten Versicherungsdurchdringung von 10-20% wäre der versicherte Schaden der Versicherungsindustrie allerdings deutlich tiefer. Auch würde der verbleibende versicherte Schaden auf viele Schultern verteilt: Die Erstversicherer und die globale Rückversicherungsindustrie teilen sich die Risiken. Die maximale finanzielle Exponierung gegenüber solchen Ereignissen, auch kleineren wie Erdbeben und Windsturm, wird heute praktisch durch die ganze Versicherungsindustrie hindurch laufend mit Computer gestützten Katastrophensimulationsmodellen geprüft und überwacht.

Die Rückversicherungen nehmen bei der Entwicklung dieser Werkzeuge und der damit einhergehenden Risikomanagement-Strategien eine Vorreiterrolle ein. Diese über die letzen 20 Jahre entwickelten und an zahlreichen Ereignissen geeichten Modelle haben heute einen sehr hohen Stand erreicht. Damit steht die Zahl der verkauften Versicherungskontrakte jederzeit mit dem zur Verfügung stehenden Kapital in Einklang.

 

 

Wir danken:

Martin Bertogg | Head Earthquake Group | Swiss Re sowie

Adalbert Koch | Vice President | Communications | Swiss Re

 

 
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